Susanne Schuda: Keeping One's Distance

IN SCHUDAS WELT, über das Spirituelle in Susanne Schudas Die Zelle, , Susanne Schudas Kunst beschäftigt sich inhaltlich mit der Selbstbehauptung des Individuums innerhalb der Gesellschaft und mit einer konstruierten Realität. Übertreibung, Zuspitzung, Neukonstruktion von Bekanntem und Deformierung des Gewohnten lassen die Mechanismen spürbar werden, denen das Individuum ausgesetzt ist. Die Zwänge und Ängste sowie die damit in Verbindung stehenden Wünsche und Hoffnungen des Menschen wurden zunächst von Religionen, Ideologien und Lebensphilosophien bestimmt. Mittlerweile haben sich diese “großen Erzählungen” ad absurdum geführt und die mediale Wirklichkeitsproduktion ist an ihre Stelle getreten. Im damit einhergehenden Konsumwahn werden Körper und Psyche des Menschen erfolgreich vermarktet. Pseudoreligiöse Konzepte zur Verbesserung des Lebens, sowie Machtund Gewaltstrukturen vielfältigster Art bestimmen die neuen Sinnzusammenhänge. , Den Körper zu schützen, ihn nicht zu missbrauchen, schreibt jede Religion vor. Das kann auch als Grundlage für ein langes und glückliches Leben missverstanden werden. Ein in Aussicht gestelltes Paradies erweist sich als nicht erreichbar, daher sind wir gezwungen, es hier auf Erden zu realisieren. Man kann den Kampf um ewige Jugend und ein erfolgreiches Leben an der Akkumulierung von materiellen Werten und an der intensiven Beschäftigung mit Äußerlichkeiten erkennen. Religiöse bzw. esoterische Elemente zusammengenommen, bilden dabei einen geistigen, ideologischen Hintergrund, vor dem der Umgang mit dem menschlichen Körper fun ktioniert. Auf der Basis unserer Existenz werden wir selbst zum Schöpfer und versuchen Gott, den wir selbst geschaffen haben, zu übertreffen. , In diesem Spannungsverhältnis ist Susanne Schudas Kunst angesiedelt. Nicht mahnend oder auf Ursprünglichkeit hin orientiert ist ihre Position. Viel mehr entsteht hier eine in sich funktionierende Parallelwelt, die aus bekannten Versatzstücken besteht und daher unheimlich und abstoßend wirkt. Das Vertraute hat sich zum Monströsen transformiert. In ihrer Arbeit Die Zelle zeigt Susanne Schuda eine multimediale Installation, die den Ausstellungs raum in eine sakrale Situation transferiert. Die Zelle als unverzichtbarer Baustein des Lebens steht dabei im Zentrum der Anbetung. Einen hundertstel Millimeter groß, nur unter dem Mikroskop zu orten, trägt die Zelle Sorge dafür, dass ein Organismus insgesamt überhaupt lebensfähig ist. Nur Spezialisten können deren Funktionsweisen ergründen. Der betroffene Laie ist den Veränderungen fassungslos ausgeliefert. , Die Künstlerin gibt diesem Rätsel einen spirituellen Hintergrund und bedient sich dabei einer fiktiven Erzählstruktur, inderdie Protagonisten – Meine Mutter, Huren sohn und The King –das Problemfeld dialogisch reflektieren. Mantraartig sagen sie ihrestereotypen Klischees vor sich her. Ihre tatsächliche Identität haben diese Figuren verloren. , Sie stehen für Positionen, die einerseits oft in einer Person gleichzeitig wirksam werden, oder im einen oder anderen Fall überwiegend ausgebildet sind. Sie stehen allesamt in Bezug zur Zellwucherung, die als übergeordnet begriffen wird. Man kann diese Wucherung als gegeben akzeptieren und will sich ihr nicht entgegenstellen, sondern darin eine neue Möglichkeit sehen. Jedenfalls gibt es hier eine Bezüglichkeit zur Gottergebenheit. The King entspricht am ehesten dieser Denkweise. Er ist in höhere Sphären vorgedrungen. Dort gibt er sich der kollektiven Wucherung hin. Meine Mutter scheint noch an Botox, Pilates und Size Zero zu glauben. Sie schottet sich ab und ist mit dem Heiligtum ihres Körpers beschäftigt. Sielehntsichgegen die Auflösung auf, obwohl auch sie schon verlorenhat. Hurensohn, der mit dem Leben hadert, weiß um die Unaufhaltbarkeit der Entwicklung – letztlich der Wucherung – und versucht, Zeugnis abzulegen. Als Fotograf dokumentiert er die Vorgänge, die mit der Veränderung einhergehen. Sein Zeugnisabgeben ist ein religiöses Unter fangen, ebenso wie der Kampf, den Meine Mutter bereit ist zu führen. The King hat sich zur größtmöglichen Hingabe entschlossen und wird so – zumindest in der eigenen Wahrnehmung – zum Erleuchteten, zum Messias. , Man kann somit deutlich sehen, wie sich die Protagonisten spiegelbildlich zum Verhalten innerhalb der westlichkapitalistischen Gesellschaft bewegen. Die religiöse Komponente dabei zeugt von einer Sicherheit, die aber nicht mehr gegeben ist und verzerrt erscheint. Obsessives Festhalten am Sinnlosen, das man paradoxerweise mit dem Grundsätzlichen verwechselt, ist das Ziel. Im Leben ist der Körper durch die Medien zum Bild geworden – für ein besseres Leben. Teile dieses “Heilsversprechens” versuchen auch Schudas Charaktere einzulösen und geraten dabei in immer absurdere Beschwörungen. Sie haben aufgehört – Meine Mutter nicht ganz – die Zelle gnädig stimmen zu wollen. Susanne Schuda ist mit ihren Protagonisten schon weiter und zieht Konsequenzen aus der realen, gegenwärtigen Entwicklung. Dazu setzt sie die Geschichte des Bildes vom menschlichen Körper – nicht nur in Bezug auf die Kunst, sondern bezogen auf die Allgemeinheit des Bildes vom Körper – bewusst ein. , In der Kunst der Moderne begegnet man dem deformierten, manipulierten und zerstörten menschlichen Körper. Das bis dahin geltende Schönheitsideal in der Nachfolge der Antike galt plötzlich als obsolet. In totalitären Systemen, wie dem Faschismus, in denen starke, athletische und gesunde Körper verherrlicht wurden, wurde es aufgenommen und pervertiert. Die Moderne hat dagegen ein dekonstruktivistisches, analytisches Konzept in Stellung gebracht. Unter dem Eindruck der kapitalistischen Mediengesellschaft haben wir uns wieder von der Moderne entfernt und verfolgen in Bezug auf unseren Körper grotesk anmutende Ideale, denen Susanne Schuda mit Spott und eindringlicher formaler Qualität begegnet. , , Günther Holler-Schuster, 2009
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IN SCHUDAS WELT
über das Spirituelle in Susanne Schudas Die Zelle

Susanne Schudas Kunst beschäftigt sich inhaltlich mit der Selbstbehauptung des Individuums innerhalb der Gesellschaft und mit einer konstruierten Realität. Übertreibung, Zuspitzung, Neukonstruktion von Bekanntem und Deformierung des Gewohnten lassen die Mechanismen spürbar werden, denen das Individuum ausgesetzt ist. Die Zwänge und Ängste sowie die damit in Verbindung stehenden Wünsche und Hoffnungen des Menschen wurden zunächst von Religionen, Ideologien und Lebensphilosophien bestimmt. Mittlerweile haben sich diese “großen Erzählungen” ad absurdum geführt und die mediale Wirklichkeitsproduktion ist an ihre Stelle getreten. Im damit einhergehenden Konsumwahn werden Körper und Psyche des Menschen erfolgreich vermarktet. Pseudoreligiöse Konzepte zur Verbesserung des Lebens, sowie Machtund Gewaltstrukturen vielfältigster Art bestimmen die neuen Sinnzusammenhänge.
Den Körper zu schützen, ihn nicht zu missbrauchen, schreibt jede Religion vor. Das kann auch als Grundlage für ein langes und glückliches Leben missverstanden werden. Ein in Aussicht gestelltes Paradies erweist sich als nicht erreichbar, daher sind wir gezwungen, es hier auf Erden zu realisieren. Man kann den Kampf um ewige Jugend und ein erfolgreiches Leben an der Akkumulierung von materiellen Werten und an der intensiven Beschäftigung mit Äußerlichkeiten erkennen. Religiöse bzw. esoterische Elemente zusammengenommen, bilden dabei einen geistigen, ideologischen Hintergrund, vor dem der Umgang mit dem menschlichen Körper fun ktioniert. Auf der Basis unserer Existenz werden wir selbst zum Schöpfer und versuchen Gott, den wir selbst geschaffen haben, zu übertreffen.
In diesem Spannungsverhältnis ist Susanne Schudas Kunst angesiedelt. Nicht mahnend oder auf Ursprünglichkeit hin orientiert ist ihre Position. Viel mehr entsteht hier eine in sich funktionierende Parallelwelt, die aus bekannten Versatzstücken besteht und daher unheimlich und abstoßend wirkt. Das Vertraute hat sich zum Monströsen transformiert. In ihrer Arbeit Die Zelle zeigt Susanne Schuda eine multimediale Installation, die den Ausstellungs raum in eine sakrale Situation transferiert. Die Zelle als unverzichtbarer Baustein des Lebens steht dabei im Zentrum der Anbetung. Einen hundertstel Millimeter groß, nur unter dem Mikroskop zu orten, trägt die Zelle Sorge dafür, dass ein Organismus insgesamt überhaupt lebensfähig ist. Nur Spezialisten können deren Funktionsweisen ergründen. Der betroffene Laie ist den Veränderungen fassungslos ausgeliefert.
Die Künstlerin gibt diesem Rätsel einen spirituellen Hintergrund und bedient sich dabei einer fiktiven Erzählstruktur, inderdie Protagonisten – Meine Mutter, Huren sohn und The King –das Problemfeld dialogisch reflektieren. Mantraartig sagen sie ihrestereotypen Klischees vor sich her. Ihre tatsächliche Identität haben diese Figuren verloren.
Sie stehen für Positionen, die einerseits oft in einer Person gleichzeitig wirksam werden, oder im einen oder anderen Fall überwiegend ausgebildet sind. Sie stehen allesamt in Bezug zur Zellwucherung, die als übergeordnet begriffen wird. Man kann diese Wucherung als gegeben akzeptieren und will sich ihr nicht entgegenstellen, sondern darin eine neue Möglichkeit sehen. Jedenfalls gibt es hier eine Bezüglichkeit zur Gottergebenheit. The King entspricht am ehesten dieser Denkweise. Er ist in höhere Sphären vorgedrungen. Dort gibt er sich der kollektiven Wucherung hin. Meine Mutter scheint noch an Botox, Pilates und Size Zero zu glauben. Sie schottet sich ab und ist mit dem Heiligtum ihres Körpers beschäftigt. Sielehntsichgegen die Auflösung auf, obwohl auch sie schon verlorenhat. Hurensohn, der mit dem Leben hadert, weiß um die Unaufhaltbarkeit der Entwicklung – letztlich der Wucherung – und versucht, Zeugnis abzulegen. Als Fotograf dokumentiert er die Vorgänge, die mit der Veränderung einhergehen. Sein Zeugnisabgeben ist ein religiöses Unter fangen, ebenso wie der Kampf, den Meine Mutter bereit ist zu führen. The King hat sich zur größtmöglichen Hingabe entschlossen und wird so – zumindest in der eigenen Wahrnehmung – zum Erleuchteten, zum Messias.
Man kann somit deutlich sehen, wie sich die Protagonisten spiegelbildlich zum Verhalten innerhalb der westlichkapitalistischen Gesellschaft bewegen. Die religiöse Komponente dabei zeugt von einer Sicherheit, die aber nicht mehr gegeben ist und verzerrt erscheint. Obsessives Festhalten am Sinnlosen, das man paradoxerweise mit dem Grundsätzlichen verwechselt, ist das Ziel. Im Leben ist der Körper durch die Medien zum Bild geworden – für ein besseres Leben. Teile dieses “Heilsversprechens” versuchen auch Schudas Charaktere einzulösen und geraten dabei in immer absurdere Beschwörungen. Sie haben aufgehört – Meine Mutter nicht ganz – die Zelle gnädig stimmen zu wollen. Susanne Schuda ist mit ihren Protagonisten schon weiter und zieht Konsequenzen aus der realen, gegenwärtigen Entwicklung. Dazu setzt sie die Geschichte des Bildes vom menschlichen Körper – nicht nur in Bezug auf die Kunst, sondern bezogen auf die Allgemeinheit des Bildes vom Körper – bewusst ein.
In der Kunst der Moderne begegnet man dem deformierten, manipulierten und zerstörten menschlichen Körper. Das bis dahin geltende Schönheitsideal in der Nachfolge der Antike galt plötzlich als obsolet. In totalitären Systemen, wie dem Faschismus, in denen starke, athletische und gesunde Körper verherrlicht wurden, wurde es aufgenommen und pervertiert. Die Moderne hat dagegen ein dekonstruktivistisches, analytisches Konzept in Stellung gebracht. Unter dem Eindruck der kapitalistischen Mediengesellschaft haben wir uns wieder von der Moderne entfernt und verfolgen in Bezug auf unseren Körper grotesk anmutende Ideale, denen Susanne Schuda mit Spott und eindringlicher formaler Qualität begegnet.

Günther Holler-Schuster, 2009
 


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