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XYZ  Alles, worauf es ankommt… hast du in Reichweite.
Zeitschrift Umělec
Jahrgang 2008, 2
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XYZ Alles, worauf es ankommt… hast du in Reichweite.

Zeitschrift Umělec 2008/2

01.02.2008

Daniel Grúň | profil | en cs de es

Die Gruppe XYZ, die aus Milan Tittel (1966) und Matej Gavula (1972) besteht, ist seit 1997 in der Kunstszene von Bratislava aktiv. Sie präsentierten sich mit einigen Einzelausstellungen (ursprünglich zu dritt mit Petr Ondrušek): XYZ in der Galerie UBS (1998), Opening in der Galerie C. Majerník (2000), XYZWAR in der Galerie Priestor (2001), XYZ in der Prager Galerie Display (2002), SEXYZ im Bratislaver Club Buryzon (2002, 2003). Neben der Einzelausstellung Distance X (2005) in den Tranzit Werkstätten nahmen sie in letzter Zeit auch an verschiedenen internationalen Ausstellungsprojekten teil: Against everyone (2007), Bridgeing (2006–2007), Spaced Out 0.1 (2007), Donau Monarchie (2006), Pantheon: Heros and Anti-Monuments (2006), Relocation Shake (2004), Tomu ver ty... (2004), Československo (2003).
Ausgangspunkt der Tätigkeit von XYZ ist das kontextuelle Erforschen der eigenen Disziplin – der Plastik, und daraus entsteht auch eine ständige Spannung zwischen dem materiellen Artefakt in der plastischen Formgebung, der prozesshaften Transformation der Materie und mit der Digitalkamera festgehaltener Objets trouvés. In ihrem Schaffen reflektieren sie das lokale Umfeld und seinen Wandel, den die Privatisierung des öffentlichen Raums und der Übergang zur Marktwirtschaft hervorgerufen hat. Sie arbeiten im Grenzbereich zwischen bildhauerischer Plastizität, räumlicher Installation, digitaler Fotografie und Performance. In den gemeinsamen Werken des Tandems XYZ kann man Reminiszenzen an die kulturelle Situation eines Július Koller und die slowakische Spielart des Aktionismus und Konzeptualismus der 60er und 70er Jahre ablesen. Diese Reminiszenzen sind nicht explizit, sondern geschehen eher auf der Ebene des Ausprobierens bestimmter Konzeptionen und Methoden. Obwohl die Gruppe XYZ in der slowakischen Kunstszene ein singuläres Phänomen ist, kann man gewisse Berührungspunkte mit dem Werk von Roman Ondák und Cyril Blaž erkennen. Mit Ondák verbindet sie ein gewisser Umgang mit Fotografie und dem Schaffen räumlicher Situationen, die sie dem Zuschauer zur Dechiffrierung offen lassen. Bei den genannten Autoren finden wir auch eine Verwandschaft im Umgang mit der Vergangenheit, deren materielle Zeichen oder Erinnerungsspuren in die Gegenwart projiziert werden. Ein weiteres gemeinsames Moment ist zweifellos die unklassische Stellung des Artefakts und das Sondieren der Möglichkeiten künstlerischer Aussagen. Skulpturale Erzeugnisse als Experimente und Dekonstruktionen der Abbildung haben oft den Charakter einer unauffälligen räumlichen Mimikry, bisweilen ist es auch eine «Enklave», die sich wie Schallwellen im Raum ausbreitet. Der konzeptuelle ideelle Ausgangspunkt wird aufgewogen durch die materielle Herangehensweise und die Verwendung einiger Ausdrucksmittel der klassischen Plastik. Im Prinzip ist die Skulptur in ihrem Werk definiert als aktiv offenes Raumnetz, als Knoten oder Geflecht materieller Reaktionen auf Impulse in diversen Ebenen und Richtungen. Die Arbeiten von XYZ sind von einem Oszillieren zwischen Labilität und Stabilität geprägt, zwischen Monumentalität und Minaturisierung, sie halten Vibrationen im Spiel zwischen dem Augenblick der digitalen Aufzeichnung und der objektiven Anwesenheit der plastischen Masse aufrecht.

Rohstoffmaterialismus. Ein spezifisches Paradox der Raumsituationen und der vorgefundenen, mit Digitalkamera festgehaltenen Objet-trouvé-Plastiken ist ihr «Materialismus». Man könnte sagen, dass die Gruppe XYZ sich mit der Problematik des zeitgenössichen Materialismus befasst. Und zwar vor allem auf der Ebene des ökonomischen Werts des Rohstoffs als Konsumgut. Die vom Duo XYZ komponierten Situationen tragen den Charakter unauffälliger Verschiebungen, wo das Objekt sich in einen Rohstoff und der Rohstoff in ein ausgesandtes Signal verwandelt. Die Aktionen, Raumprojekte und Plastiken von Matej Gavula und Milan Tittel sind auch deswegen charakteristisch, weil sie eine ständige Spannung zwischen der materiellen Beschaffenheit des Artefakts und seiner Entmaterialisierung, die oft als Aufgehen in der Umgebung realisiert wird. In ihrer Arbeit taucht die Frage des Werts und des Unwerts wiederholt auf, respektive die Frage nach echten und künstlichen Werten. Sie arbeiten mit den Rohstoffen des globalen Handels, wie auch mit Erzeugnissen, die Resultat der Analyse lokaler gesellschaftlicher Beziehungen sind (Kaffee, Zucker, Öl, Münzen, Geldscheine usw.). Als Rohstoffmaterialismus ließe sich die Arbeitsweise bezeichnen, mit dem XYZ den Rohstoff aus dem Warenkreislauf isolieren und ihm seinen unwiederholbaren Ausdruck belassen. Spezifisch sind gerade die Arbeiten, die direkt auf aktuelle Wertsysteme reagieren, wie sie im öffentlichen Raum manifest werden, im Widerspruch zu oder in Kontinuität von im Sozialismus gültigen Wertsystemen, beispielsweise Denkmälern oder der Architektur des Modernismus.

Dinge auf den Boden. In den Räumen der Bratislaver Tranzit Werkstätten realisierten XYZ für die Ausstellung Tomu ver ty… die Performance-Installation Raw Petroleum (2004). Die einfache Geste wie das Umkippen eines Rohölkanisters auf den Boden war damals an die globale Politik gerichtet, vor allem an die blutigen Ereignisse im Irak. Die heute schon vielteilige Serie sogenannter Floor pieces kommt bei beiden Autoren vor, wobei das wohl bekannteste Objekt Milan Tittels Ohne Titel (2004) ist, das beim internationalen Projekt Relocation Shake in Trnava ausgestellt wurde. Es besteht aus einer sieben Meter langen Horizontale, die aus slowakischen Zehnkronenmünzen im Wert von 1000 Euro zusammengesetzt ist, was das ganze Budget des Autors für diese Arbeit darstellte. Indem er sich die Sprache der Horizontale aus vorgefertigen Ziegeln von Carlo Andre (Lever, 1966) ausborgt, als ein Zitat einer minimalistischen Plastik, entstand ein Werk aus dem Rohstoff seines nominellen Entstehungswerts. Weitere Arbeiten dieses immer noch offenen Zyklus waren auf der Ausstellung Proti všetkým in der Galerie Bast'art zu sehen. Während die eine das Moment des Anhäufens der amorphen, sich verfestigenden Stofflichkeit geschmolzener Zuckerwürfel benützt, entstand die andere als Gipsabguss eines Maulwurfshügels (Ohne Titel, 2004). Der letzte Beitrag zu dieser Werkserie war an der Ausstellung Thing of mine that may not be mine zu sehen, wiederum in der Galerie Bast'art. Das kleinformatige Objekt wird aus zerschredderten Geldscheinen im Wert von einer Million Kronen gebildet (Milión, 2007), die in einen durchsichtig eingefassten Quader gepresst sind. Die in enge Streifen zerschnittenen Geldscheine füllen den ganzen Plastikquader aus, und chaotisch mischen sich die bedruckten Fragmente.

Geklonte Identität. Eine weitere Sonde im Schaffen von XYZ erkundet Prozesse extremer Verkleinerung oder Vergrößerung von Objekten und ihrer Wahrnehmung in den ideologischen Beziehungen der Machtverteilung. Dazu gehört eine Serie miniaturisierter Kopien der Skulptur Czernowitzer Austria für das Projekt Bridgeing (2006-2007), oder Miniaturen von lustigen Statuen aus der Bratislaver Innenstadt für das Projekt Pantheon: Heros and Anti-Monuments (2006). Eine Kopie in einer tragbaren Verkleinerung an der Grenze zum Kitsch in Mini-Multiplikation funktioniert hier wie eine Folge identischer Elemente des Simulacrums. Die Gruppe XYZ widmet modernistischen Monumenten und Denkmälern aus dem Kommunismus große Aufmerksamkeit, die sie im Kontext aktueller Kulturpolitik hinterfragen. In der Ausstellung Distance X tauchte zum ersten Mal ein Werk auf, bei dem XYZ mit plastischen Selbstbildnissen arbeiten. Skupinový portrét – trojitá prítomnosť (Gruppenbild – dreifache Präsenz, 2005) besteht aus 7 cm großen Epoxid-Figürchen, die in einer Vitrine aufgestellt sind, und aus einem großformatigen Fotoabzug der Figurengruppe an der Wand. Dieses Prinzip der Vergrößerung war an die Form des Selbstbildnisses gebunden, denn die einzeln von Hand modelierten Figuren enstanden anhand der eigenen Gestalten von Milan Tittel und Matej Gavula in mehreren, recht zivilen Posen. Mit der fotografischen Vergrößerung auf übermenschliche Ausmaße kehren die Figürchen in eine «hyperreale» Welt zurück. In ihrer zivilen Miniaturversion der figurativen Plastik korrespondieren sie frei einigen Werken den polnischen Künstlers Pawel Althamer. Die Figurengruppe aus zwei vervielfältigten plastischen Selbstbildnissen wandelte sich in der fotografischen Vergrößerung in eine geklonte Identität einer Menschenmasse. Aus dem Prinzip der Autoporträts, mit denen sie in verschiedene Umgebungen und Situationen begeben, entwickeln sich weitere Werke. Stretnutie s Kofim (Begegnung mit Kofi, 2006) ist die fiktive Begebenheit der Begegnung mit einem Repräsentanten der globalen Politik, die im Modell einer futuristischen Architektur stattfindet. Multirezidenti (Multiresidents, 2007) erinert enfernt an Roman Ondáks Antinomaden. Es sind aber Figuren – Alter egos der Künstler –, die das private Umfeld von Freunden und Bekannten betreten.

Konzept der Labilität. Dieses Prinzip entwickelten XYZ in weiteren Arbeiten. Im Fall des Werks Chromozóm XY (2006) kommt das Motiv der Bewegung hinzu, ihre Darstellung und das Festhalten in modeliertem Wachs. Die Erfassung von beweglicher Kreation im veränderlichen Wachs oder Plastilin ruft körperliche Empfindungen hervor und bewirkt ein Bewusstwerden der Tatsache der Körperlichkeit. In den winzigen figuralen Kompositionen ist Bewegung in ihrer Möglichkeit und Unmöglichkeit dargestellt, die weiche Knetmasse zeigt sie als Freiheit und auch Einschränkung. Die miniaturhaften, nur wenige Zentimeter großen Kompositionen gehen von Erinnerungen an kindliche Bewegungsspiele aus, bei denen man die Gliedmaßen verschieden bewegt. Hier wird die Beziehung zweier Menschen zum eigentlichen Thema der einzelnen Kompositionen, die in der Nähe der beiden Körper ausgedrückt wird, die in mitnichten dramatischen, eher humoristisch-intim nahen Positionen die körperliche Beschränktheit der Bewegung entlarvt. XYZ wandten wiederum das Prinzip der Übertragung ihrer eigenen Identität ins plastische Material an. Die Bewegungen der Figuren sind eher täppisch und schwerfällig als gymnastisch anmutig. Bronzeabgüsse der beiden hängen an der «überflüssigen» Materialmasse. Die einzelnen Kompositionen erinnern andererseits an die Form der Chromosomen XY, was auch der Titel des Werks suggeriert, womit wiederum die Idee des Klonens evoziert wird. Mit der Individualität des Einzelnen in seiner intimsten Sphäre, der Haut, beschäftigen sich auch einige selbständige Werke Milan Tittels, z.B. Vakcinácia (Impfung, 2006), das beim Billboard-Projekt Donau Monarchie gezeigt wurde. Wenn auch die Mehrzahl der Werke vom Konzept der Plastizität ausgeht, die in unmittelbarem Berührungskontakt gründet, transformieren XYZ das Stoffliche im Prozess der Digitalisierung, und sie präsentieren mehrere ihrer «Plastiken» als Fotografien. Diese entstehen durch Interventionen in vielfältigen Umgebungen, und mithilfe eines unauffälligen Markierens der realen Umwelt zeichnen sie die Hierarchie der Beziehungen auf, verändern und verschieben sie.






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