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Yunshengs Sprache der Liebe
Zeitschrift Umělec
Jahrgang 2010, 1
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Yunshengs Sprache der Liebe

Zeitschrift Umělec 2010/1

01.01.2010

Ivan Mečl | grayscale | en cs de


Zhao Yunsheng ist das genaue Gegenteil des stereotypisierten Bildes eines zeitgenössischen chinesischen Künstlers. Kein abgemagerter Zopfträger mit Brille und Kinnbärtchen, ironischem Blick und gelegentlichem Sakko. Yunsheng hat einen bulligen Körper, das Gemüt eines Pandas und einen runden Kopf mit Igelfrisur. Weiterhin zeichnet und malt er nur in seiner Plattenbauwohnung am Rande von Peking, nicht weit von der Haupt- und Ausfallstraße, voller billiger Restaurants und Sexshops.
Er war gerade mit der Vollendung seines Zyklus von vierhundert Bleistiftzeichnungen beschäftigt, als ich ihn mit seinem Kollegen Shu Yang gegen Ende des tropischen Sommers 2009 besuchte. Er arbeitete seit 2008 daran und wollte zunächst auf diese Weise die Folgen einer Trennung nach zehnjähriger Beziehung therapieren. In der Folge vermischten sich in den Bildern jedoch auch seine Erfindungen, erotischen Fantasien, mehr oder weniger glaubwürdige Sagen und Erzählungen von Freunden.
Yunsheng rechnet nicht unbedingt damit, auf einen uneingeweihten Betrachter zu treffen. Für den chinesischen Betrachter sind einige Allegorien und Symboliken verständlich, aber auch er benötigt die Erläuterungen des Künstlers, um aus dem Bild die gesamte Geschichte herauslesen zu können. Es ist wie mit dem Raub der Töchter des Leukippos oder Lot und seiner Frau – wir benötigen nur den Titel oder die grundlegende Einhaltung des Darstellungskanons und schon offenbart sich uns das ganze Abenteuer mit seinem historischen Hintergrund. Wen allerdings die Neugier verlassen hat, wird nicht viel von diesen in den Werken zeitgenössischer Künstler verborgenen Geschichten erfahren. Er begnügt sich mit dem ästhetischen Erlebnis und konstruiert seine Erklärungen auf einigen universellen Symbolen. Wir wissen, dass das oberflächlich ist und nicht funktioniert, dennoch basiert ein großer Teil der derzeitigen Kunsttheorie darauf. Es ist uns egal, ob die Erklärung stimmt oder nicht – wir sind für jedwede Verständnishilfe dankbar – der ästhetische Text wird wie aus der Fiktion einer theoretischen Arbeit erschaffen.
Die Zeichnung Dieses taube Mädchen ist zum Beispiel eine von jenen, die aus Yunshengs Erlebnissen hervorgegangen sind. Links bei dem Loch in der Wand liegt sein Hochzeitsfoto herum, diese hat letztendlich aber nicht stattgefunden. Ein Mann sitzt auf dem Boden, durch das zerbrochene Foto klettert eine Frau in das Loch in der Wand. Ihre Augen sehen einander nicht, jeder ist in seinen Gedanken schon woanders. Im Zimmer erscheinen Vergrößerungen der Bewohner und Darstellungen ihrer Reflexionen.
In Yunshengs Zeichnungen ist der Gedanke der Bildfigur oft so verarbeitet, als ob er sich inmitten der Handlung befände oder unmittelbar in sie eingreifen würde. Im Inneren des Hauses stattfindende Handlungen verlegt er oftmals nach draußen oder an die Schwelle eines Raumes, der für den Vorübergehenden verschlossenen und nicht einsehbar ist. So ist es auch beim Kleinen Haus in Peking, wo sich der eigenartige Geschlechtsakt mit dem kleinen Mädchen aus dem Süden auf der Straße abspielt. Wie viele andere ist auch dieses Bild inspiriert von den Erzählungen seiner Freunde und Gesprächen mit Dorfmädchen, die sich in seinem Viertel an die Stadtmenschen verkaufen. Es sind naive und verlorene Mädchen, die aus den Dörfern und Bergen zum Arbeiten in die Stadt gekommen sind. An staatlichen Feiertagen bieten sie ihre Dienstleistungen zu großzügigen Rabattpreisen an. Wer weiß, ob sie den chinesischen Generationenkodex befolgen und einen Teil ihrer Einnahmen an die Eltern schicken.
Doch Yunsheng wertet und moralisiert in seinen Zeichnungen nicht. Allein die Titel, die ich ihm abgerungen habe, beziehen sich manchmal mit einer sarkastischen, aber verständnisvollen Metapher auf den Charakter der Helden. Toleranz ist angebracht – sich selbst muss er nämlich auch diese große Menge erotischer Fantasien vergeben. In der Zeichnung Endlich hat sie damit angefangen ist beispielsweise eines jener erträumten Möbelstücke dargestellt, die zur Befriedigung besonderer Lüste und halsbrecherischen Sexspielchen dienen sollen.
Einige von Yunshengs Zeichungen sind ein kurzer Blick auf fremde Erzählungen ungleicher Beziehungen, deren unfreiwilliger Zeuge er geworden ist. Der Rattenschatz handelt von einer Teehausbesitzerin und ihrem eifersüchtigen Kavalier, der sie so lange verfolgte, bis er davon regelrecht besessen war. Als Yunsheng einmal in dieser Teestube war, bekam er von ihr ein Objekt in Form eines chinesischen Goldbarrens geschenkt, das für den ersten Aufguss und die Teereste bei der Teezeremonie verwendet wird. Ein solcher Gegenstand erhält eine mit der Zeit lieb gewonnene Farbe und kann als eine Art Talisman dienen. Ein Symbol, das wir nur verstehen können, wenn wir uns einmal in einer ähnlichen Situation befunden haben. Mit dem Titel wollte Yunsheng wohl noch mehr verwirren.
Andere Zeichnungen können als reine Gesellschaftssatire verstanden werden. In der Szene Er schweigt … erscheint Yunsheng selbst in der Gestalt eines Künstlers am Scheideweg. Tod oder Verlust der Ideale. Der allegorische Tod eines chinesischen Künstlers kann durch Mittellosigkeit verursacht werden, im Falle des Autors zum Beispiel dadurch, dass ihm die staatliche Genehmigung für die Ausübung seines Berufs fehlt. Oder der Verlust von Träumen und Idealen, der Hang zum Pragmatismus, den Yunsheng wie eine Kastration wahrnimmt.
Derzeit bereitet Zhao Yunsheng alle Zeichnungen für eine Buchausgabe vor.




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