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Sehnsucht nach Nie Dagewesenem : Porno vs. Das Unmögliche
Zeitschrift Umělec
Jahrgang 2010, 2
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Sehnsucht nach Nie Dagewesenem : Porno vs. Das Unmögliche

Zeitschrift Umělec 2010/2

01.02.2010

Fausto Alzati | erotik | en cs de ru

Sich selbst als vollständig in die Welt eingebunden zu erkennen, befreit uns von der Notwendigkeit, unsere Politik mit der Identifikation, den avantgardistischen Parteien, der Reinheit oder der Mutterschaft zu verwurzeln.

Donna Haraway, Ein Manifest für Cyborgs


Man findet sie auf jedem Flohmarkt, in jeder U-Bahn-Station und an jeder Ecke in den Städten – fliegende Händler, die auf mit rotem Stoff bespannten Ständen Filmraubkopien zum Kauf anbieten. Einige sind geklont, andere sind live im Saal irgendeines lokalen Kinos „gefilmt“, mit den Effekten einer Digitalhandkamera und allem, was dazu gehört – sehr realistisch. Überflutet von dieser überwältigenden Ansammlung der so genannten „siebenten Kunst“, inmitten der Wellen dieses Meeres aus Handlungen und Traumata, bringt uns etwas dazu, uns umzudrehen, noch einmal zu schauen oder in die andere Richtung zu blicken. Auf welche Art auch immer, es bewegt uns.
Die Filmproduktion im Pornobereich ist höher als die aller anderen Filmgenres, mit jährlichen Gewinnen, die den Rest der Unterhaltungsindustrie weit hinter sich lassen, einschließlich dem Sport. Wir beobachten viele Leute dabei, wie sie an die Stände herantreten und aufmerksam und eilig – mit einem routinierten Ausdruck der Gleichgültigkeit – den Porno auswählen, den sie sich nach der Arbeit anschauen werden. Die unzähligen Cover werden betrachtet und es wird entschieden, welche Bilder konsumiert werden sollen. Große Produktionen mit im Milieu bekannten Darstellerinnen, Sammlungen von Amateurfilmen und sogar heimliche Mitschnitte von dem, was in den Zimmern der Motels und Hotels in Tenochtitlán vor sich geht (für all jene, die sich fragen, wie es die anderen in unserer schönen Stadt tun). Thematische Szenen rufen Erstaunen bei uns hervor, wenn wir dabei zuschauen, wie eine Frau mit dem Samen eines Esels bespritzt wird, nachdem sie an ihm Fellatio ausgeübt hat, oder wir sehen drei in Latex gekleidete, auf OP-Tischen liegende Frauen mit Penissen. Es gibt alles: Junge, Alte, homosexuelle Teenager mit Piercings in Großeinstellung, arabesker Lesbensex, Bondage, transsexuelle Messerfetischisten, interracial Analsex, Zwerge mit Sekretärinnen, Nekrophilie, Bukkake, Gangbang, hausgemachtes Squirting, Geräte und Spielzeuge, Sadomasochismus und Disziplin, Hentai, Vergewaltigungen, Voyeurismus, Urin und Stuhl. Wer sucht, der findet. Oder besser gesagt, der wird gefunden.
Der Glaube, dass wir solchen Bildern gegenüber immun sind, ist irreführend. Wir haben keine undurchlässige Schutzschicht, die diese pornografischen Bilder, die Grundlage unserer Fantasien sind, abhält. Dieses Konzept ist eine Illusion. Die Szenen, die wir anschauen, verwandeln sich nicht automatisch in Taten – der Übergang zur Tat ist keine notwendige Voraussetzung, wenn es um den Konsum von Bildern geht – doch kann man das Anschauen an sich auch nicht als etwas Passives betrachten. Es bezieht uns mit ein. Sich an der Überzeugung festzuhalten, dass wir skeptisch sind, dass wir eine Art kritische Reinheit besitzen, ist eine höchst gefährliche Naivität. Es ist die verlässliche Formel dafür, dass wir nicht bemerken, dass wir es nicht bemerken.
Fantasien werden entfesselt und weitere hinzugefügt. Beim Dreh der Szenen dachte man an einen bestimmten Blick. Deshalb ist unser Blick Teil der Szene, die wir sehen bzw. die er sieht. Er ist mit ihr unteilbar und innig verbunden. Der Glaube, wir seien kritisch, ändert nichts an der Tatsache, dass wir verletzlich sind. Unser Glaube verschleiert dies nur. Es genügt nicht, diese Filme nicht anzusehen. Wir werden dennoch von den anderen gesehen, geleitet von den Gedanken, die diese Filme in ihnen hervorrufen. Sie zu zensieren lässt die Erotik, die in ihnen dargestellt oder simuliert wird, nicht verschwinden. Interpellation. Mit diesen Visionen ist es uns vielleicht möglich, die Narrationen, die unsere Begierden darstellen und zum Ausdruck bringen, zu analysieren und zu rekonstruieren. Das, was wir begehren – oder das, von dem wir annehmen, dass wir es begehren – und das, was uns abstößt, sind fundamentale Axiome, die unsere Identität durchziehen und auf deren Grundlage wir interpretieren und handeln. Nicht mehr und nicht weniger. Dort stehen wir. Porno ist Ästhetik, Politik und Ethik. Die in Gleitmittel verkleidete Theorie. Wir können uns nicht abgrenzen, losgelöst und unabhängig leben. Wir sind nicht dauerhaft, wir sind durchlässig.
Da der Porno ein Genre ist, dessen klare und eindeutige Definition so ausgesprochen schwerfällt, kann man ihn oftmals nur an den körperlichen Reaktionen erkennen, die er in seinem Zuschauer hervorruft. Wo stehen wir, wenn unsere Körper von den Bildern manipuliert werden? Außerhalb oder innerhalb des Bildschirms? Das Genre mit der höchsten Produktivität, das die Art, mit der wir uns betrachten und das, was wir täglich von und mit den anderen wollen, miteinbezieht, verdient eine genauere Betrachtung. Es verdient, befreit zu werden von der Hülle des Tabus, der Überschreitung und der Rätselhaftigkeit, die bei dessen Betrachtung hinderlich ist. Seine Beziehung zu unserer Subjektivität würdigen. Dort befindet sich alles, was man erblicken kann, und es pulsiert. Trotz der Umwandlung, die wir durch die Faszination erlebt haben, können wir eine Subjektivität anstreben, die nicht diesen Vernunftmodellen unterliegt.

Die Forderung

Wer sagt: „Lüg nicht!“, der muss zuerst sagen: „Antworte!“ […]. Zwischen dem, der Befehle gibt und dem, der sie ausführen muss, existiert keine so elementare Ungleichheit wie zwischen dem, der eine Antwort einfordern kann und dem, der sie geben muss.
Milan Kundera, Die Unsterblichkeit

Ich erinnere mich noch an meine Videokamera, die man direkt an einen Fernseher anschließen konnte, um zu sehen, was man gefilmt hatte. Sie konnte sogar aufnehmen, während sie angeschlossen war, so dass man auf dem Bildschirm sah, was sich in diesem Moment vor dem Auge der Kamera abspielte. Natürlich beschränkte sich die Aufnahme auf das, was im Raum geschah. Aber es gab einen Effekt, der mehr als jede andere Vorstellung zum Betrachten und zum Staunen einlud. Wenn man die Kamera direkt auf den Bildschirm richtete, sah man nicht die Aufnahme von einem Fernseher, sondern eine Art von Tunnel aus klaren Tönen, deren Geschwindigkeit je nach Winkel der Kamera variierte. Es war, als würde die Kamera bei dem Versuch, ihren eigenen Blick zu sehen, von sich selbst weg ins Unendliche gleiten.
Das Gewissen – wenn man es so nennen will – oder der Speicher der Erfahrungen als ebensolche, hat denselben Effekt: Um mir einer Sache bewusst zu sein, muss ich mir bewusst machen, dass ich mir ihrer bewusst bin. Und ebenso muss ich mir bewusst sein, dass ich mir bewusst bin … Es handelt sich hierbei nicht um etwas, das man sich auferlegt. Vielmehr ist dieses kontinuierliche Unterbrechen, Verschieben und Überlegen Teil der Struktur unserer Erfahrungen.
Neben dem Effekt, den die Kamera vor dem Bildschirm oder der Speicher der Erfahrungen erzeugt, zeigt die Begierde – wenn man es so nennen will … – die stetige Zweideutigkeit angesichts der Lokalisation, dieses Abgleiten hin zu jedwedem Prinzip, Sinnbild oder Ende. Ungreifbar und scheinbar. Die Begierde entzieht sich der Bedeutung (einschließlich ihrer selbst). Sie sitzt in den unschließbaren Lücken unserer Erfahrung – seit jeher scheinbar, seit jeher unbegreiflich.
Ein Orgasmus wird in der ersten Person erlebt, mit allem, was dazugehört. Aber auch so verspürt man, wie er eine schwindelerregende Entfaltung von ominösen Tönen und Texturen erzeugt: Er ist weder in Raum noch Zeit lokalisierbar. Und dennoch wagt die Kamera, ihn zu berühren – und zwar mit Eile.
In ihrem herausragenden Buch Hard Core, Power, Pleasure and the “Frenzy of the Visible” analysiert Linda Williams die Maßnahmen, auf die das pornografische Genre zurückgreift, um das Unsichtbare sichtbar zu machen. Hinter dieser Fixierung auf das Sichtbare steckt die Sehnsucht nach Macht, für die alles zählbar sein muss. Alles muss gewiss sein. Nichts darf sich dem Blick der Kamera entziehen. Alles muss antworten, voraussagbar sein, lokalisierbar, unter Kontrolle. Sogar der Verlust der Kontrolle, die es nie gab, muss unter Kontrolle sein. Wenn es jedoch um die menschliche Sexualität geht, entzieht sich IMMER etwas.
Der weibliche Orgasmus – um ihn beim Namen zu nennen – kann von der Kamera bei ihrem Versuch, eine Scientia sexualis zu inszenieren, nicht erfasst werden. Sie versucht, dem Körper während seiner unkontrollierbaren Konvulsionen ein vollständiges Geständnis zu entlocken, um sicher sein zu können, dass tatsächlich etwas passiert ist. Etwas Reales. Ebenso wird suggeriert, dass, wenn etwas „Unkontrollierbares“ geschieht, alles, was dem vorangeht und alles, was daraufhin geschieht, aus einem konkreten, singulären und endgültigen „Willen“ heraus entsteht. Immer wieder werden ejakulierende Penisse gezeigt. Die Zuckungen und die Herauskehrung des Inneren (der Samen) versprechen, das Implizite explizit zu machen, und deshalb gibt es eine scheinbare Intimität mit etwas Nachweisbarem, etwas Wahrem.
Vielleicht liegt es an dem Drang dieser „Begierde nach dem Sichtbaren“, dass in der kinematografischen Traumwelt der Popkultur der Deep Throat (Damiano, 1972) die weibliche Lust über die Oralität ins Gesicht verlagert wird. Da das Gesicht expressiver ist, soll auf diese Weise die weibliche Lust dargestellt werden. Wenn ein Penis auf der Mattscheibe ejakuliert, meistens in das Gesicht einer Frau, die sich erregt zeigt, wenn die Flüssigkeit auf ihren übermäßig stark getuschten Wimpern landet, dann wissen wir, dass wir einen Porno gesehen haben, und dass er vorbei ist. Wir können zufrieden sein: Dieses Etwas ist geschehen, und wir waren als Jemand dabei.
Obwohl es mittlerweile neue Versuche gibt, den Orgasmus der Frau darzustellen (wie mit den vaginalen Ejakulationen, dem Squirting, und sogar mit Bildergeschichten, in denen das Innere der Vagina mit elektrischem Strom aufgezeichnet wird), muss man doch eingestehen, dass die Lust, sogar die des Mannes, nicht dargestellt werden kann. Was wir sehen, ist ein Organ, das eine Körperfunktion erfüllt, aber wir sehen nicht den eigentlichen Genuss, da dieser immer in der ersten Person stattfindet, in einem stetigen und unaufhörlichen Dahingleiten. Der Genuss anderer ist unzugänglich. Die Handlungen der Pornos haben sich jedoch weiterentwickelt, und die Täuschung der Frau ist so zu einer weiteren Prämisse für die Lust geworden: Es muss gezeigt werden, dass man ihr weniger zahlt, als vereinbart, dass man mit ihr etwas Unerwartetes tut, dass sie über Bord eines Bootes gestoßen wird, dass ihr etwas Versprochenes vorenthalten wird, wie eine Green Card.1 Auch auf diese Art, durch den Schmerz und die Enttäuschung, will man sichtbar machen und beweisen.
Ebenso verhält es sich mit dem Realitätsfetischismus. Egal, ob Webcam oder Digitalkamera, dieser Realitätseffekt – ein hausgemachtes Video oder ein Video, das ohne das Einverständnis des anderen aufgenommen wurde, am besten mit einem Handy, das einen realitätsnahen Trash-Effekt liefert – wird zu einer einnehmenden Faszination.2 Zum Beispiel auf den Internetseiten, auf denen es Videos von Frauen gibt, die in öffentliche Bäder urinieren. Es ist bereits zu einem Markenzeichen geworden, die „Hauptdarstellerin“ bei ihren „alltäglichen Aktivitäten“ zu filmen, um so sagen zu können: „Seht ihr – es ist echt. Es ist eine echte Person, und du hast sie gerade echt urinieren sehen.“ Die Realität ist ein Effekt, der betört, denn er scheint uns eine Wahrheit vorzulegen, die uns von jeder Verantwortung entbindet – ein totaler Referenzpunkt, von dem aus alles mit absoluter Sicherheit katalogisiert werden kann.
Als ich neulich auf den Schnittstellen von Freizeit und Anthropologie surfte, stieß ich auf eine Seite, auf der man mit einer Art Stethoskop in das Innere eines weiblichen Körpers blicken kann. Dieses phallisch-transparente Artefakt wird in die Vagina eingeführt und öffnet sie, als handle es sich um eine gynäkologische Untersuchung (ist es etwa keine?). Die Intention: Etwas sehen, von dem man meint, dass es bei der ersten vaginalen Penetration jeder Frau verloren ginge: die Jungfräulichkeit. Das unermüdliche Beharren auf dem Auffinden eines Ursprungs – eine Reinheit, eine Grenze, die es zu überschreiten gilt.3
Welche Sehnsucht kann größer sein als die, die das schafft? Das Jungfernhäutchen aus der Nähe, auf dem Bildschirm. Eine Membran, die sich mit der Bedeutung von Reinheit schmückt, von Authentizität – das Unfälschbare. Jetzt siehst du es, jetzt nicht. „Etwas wirklich Echtes ist geschehen, du kannst es nachprüfen.“ Oder „Es ist verschwunden … Siehst du?“ Mit dieser Handlung wird eine nostalgische Reise in die Vergangenheit des Porno unternommen. Auch mit diesem Retro-Impuls suchen wir eine Genesis, das Überprüfbare. In den Stag Films, die gewöhnlich produziert wurden, um von Männergruppen in Studentenverbindungen gesehen zu werden, ging es insbesondere um die Erkundung des weiblichen Körpers, wie beim Doktorspiel. Höhepunkt der Szenen war normalerweise eine verschwommene Annäherung an die unbekannte Dunkelheit zwischen den geöffneten Schamlippen.
In pornografischen Filmen vom Anfang des 20. Jahrhunderts gab es ein immer wiederkehrendes Element, welches sich jetzt in der Besessenheit nach dem Realismus verloren hat: das Spielerische. Man kann lachende Paare finden, spielende Paare, bei denen man den Eindruck hat, dass sie sich amüsieren, und am Ende des Austauschs nehmen sie sich meistens in den Arm. Momentan wird die Aura der Szene mystifiziert, und die Light-Version der Demütigung ist notwendig, um uns davon zu vergewissern, dass ein Wille durch den Appetit eines anderen gebeugt wurde. Die Situation, die sich hier abzeichnet, ist fast ironisch. Erst sucht man nach ontologischer Sicherheit, um anschließend zu zeigen, dass diese durchlässig ist. Sie ist gebrechlich, das heißt, sie existiert.
So hat sich die Narration seit den siebziger Jahren nicht sehr geändert (in diesem Jahrzehnt kam der Porno auf die Großleinwand und Pornokinos waren noch gut besucht). Die Handlung rankte sich gewöhnlich um das Problem der Lust, wobei hier im Allgemeinen eine Frau im Mittelpunkt stand, die nicht die Erfüllung und den Beweis ihres Genusses finden konnte. Diese Retro-Tendenz finden wir auch bei den Amateurvideos, in denen, ebenso wie in den Pornos der siebziger Jahre, behaarte Personen mit unathletischen Körpern bei sexuellen Akten zu sehen sind, wobei nur die Untermalung mit den genialen Funk-Soundtracks der Produktionen von damals fehlt. Nicht-ideale Körper zu betrachten, ist nun auch ein Ideal. So tut es auch der, der sich Aufnahmen von den Geschehnissen in den Motels der Stadt beschafft, um die Akte seiner Mitbürger, seiner Nachbarn zu beobachten. In den siebziger Jahren jedoch betrachtete man sich noch als pervers, wenn man in ein solches Pornokino ging. Dazu kam noch die persönliche Konfrontation mit anderen, man musste an einen öffentlichen Ort gehen, um bewegte Pornobilder zu sehen.
In den achtziger Jahren kamen hausgemachte Videos (die berühmten Beta‑Kassetten) und weibliche Pornofilmemacherinnen auf. Mit dem technologischen Fortschritt änderten sich auch die Handlungen. Die Zugänglichkeit wechselte. Die Paare konnten Videos ausleihen und gemeinsam zu Hause sehen. So gingen die großen Narrationen und Produktionen in Richtung Unterkategorien; sie wurden spezifisch. Die Identität tritt als Teil der Prämisse dieser Fantasien auf, als ihr Spiegelbild. Ein klares Anzeichen des Spätkapitalismus – das Ich wird über seine Konsumvorlieben definiert. Die Hauptfrage der Handlung lautet „Und worauf stehst du?“ Diese obsessive Suche nach einer unmöglichen Identität ist Ausdruck von Sehnsucht, die wir mit dem Geschmack nach Anderem, Obsession und Fixierung stillen möchten.
Kurz darauf kamen Digitalkameras und Digitaleffekte, DVDs, Mikrotechnologie, Pay-TV, Internet, Raubkopien. Abgründe tun sich auf. Wir werden nicht damit fertig, uns einzugestehen, dass wir etwas Obszönes gesehen haben. Schwindelgefühl. Die digitalen Funktionen ermöglichen es, mit einzigartiger Präzision superspezifische Bilder und Szenen von Nahem zu betrachten. Doch deshalb entfernen wir uns nicht von der Systematik, denn sogar das Besondere und das Gelegentliche werden katalogisiert. Nichts ist genug: Groteskes, Gewalt, Privatsphäre anderer, die bizarrsten und speziellsten Genres, Unschuld (die verloren geht), Spezialeffekte, nicht einmal der Retro- oder Trash-Effekt. Es ist, als würde man einen Körper präparieren und ihn in kleine Stücke schneiden, bis nur noch Indizien von dem, was am Anfang der Suche stand, zurückbleiben: Die Frage selbst ist verloren. Das Subjekt und das Objekt der Frage sind verloren, oder besser gesagt, sie wurden verschoben.
Durch die Distanz des Monitors und die angenommene Anonymität des Mediums Internet erscheint die Fantasie eines panoptischen Voyeurs als eine Art „masturbatorisches Ideal“. Aber dieser panoptische Effekt ist augenscheinlich: Wir sind der blinde Fleck.4 Man könnte fast glauben, dass diese Distanz existiert, dass die Möglichkeit besteht, dass wir dem Diskurs gegenüber immun sind. Leichte Beute. Die Faszination begegnet der Produktion – sie überrumpelt uns. Die Bilder werden als affektive Ideale aufgefasst, wie die profunde Wahrheit eines natürlichen und unverfälschten Instinkts, vorhersehbare Klicks, wie eine Landkarte von berechenbaren Reaktionen. „Visa oder American Express?“
Der Porno ist mit seiner Aura von Überschreitung und verbotenen Abenteuern eine weitere normative Manifestation, die mit tautologischen Narrationen die Definition an sich definiert. Aporie vs. Begierde. Er neigt sich einer Überschreitung der Norm zu: Das Gesetz soll völlig enthüllt werden, damit wir wissen.5
Erinnern wir uns noch einmal an das oben beschriebene Bild: Der Lichttunnel, der erscheint, wenn die Kamera auf den Bildschirm gerichtet ist und ihren eigenen Blick verfolgt. Vielleicht ist dies das einzige wirklich explizite Bild. Zumindest ist das, was in ihm erscheint, klar, nackt. Eine stetige und erleuchtete Ergebenheit. Haben wir es etwa mit Extrem-Hardcore zu tun?

Intimität

Der Orgasmus ist das Beben lachender Körper.
Alphonso Lingis, Trust

In der Einleitung zu Kritik der zynischen Vernunft sagt Peter Sloterdijk, dass die Philosophie Gefangene der Machtstrategien ist, wodurch sie zu einem weiteren Werkzeug der Gleichung Wissen ist Macht wird. Die Philosophie beginnt mit Liebe und strebt Aufrichtigkeit an. Man gelangt zu keiner Erkenntnis, sondern zu einer Epiphanie, deren Verbindungslinie die Liebe in ihrem täglichen Dasein ist. Es handelt sich nicht um eine Waffe des Subjekts auf einem Schachfeld, sondern das Subjekt selbst mutiert, um seine Wahrheit zu finden und sie zum Ausdruck zu bringen.
Die Pornografie ist voll mit Affekten, die ausgelebt und dem Zuschauer gezeigt werden, woraufhin dessen Körper reagiert. Die Einladung ist ausgesprochen. Was wir sehen, regt dazu an, uns dort und in dieser Weise vorzustellen. Vorstellungen werden hervorgerufen und entfesselt, überwältigt von unseren Fantasien werden Erinnerungen hervorgerufen. Das ist alles. Dasselbe geschieht, wenn ein Wort oder eine Geste Assoziationen hervorrufen. Diese Assoziationen sind weder umsonst noch unschuldig. Sie sind gezeichnet von der politischen Macht, der bestehenden Ordnung, ihren Handlungen und der Erhaltung ihrer Identität und ihres Glaubens. In unseren sexuellen Akten und Fantasien zeigen sich die Narrationen, die wir in uns tragen … und die uns verfolgen.
Ein Objekt in einer Museumsvitrine, kein dynamisches Ritual. Wie ein archäologisches Objekt, das nichts mehr von seiner ursprünglichen Symbolik hat, sobald wir es sehen, da es nun ein archäologisches Objekt ist. Unser „Mitgefühl“ gilt einer Handlung, einer Arbeit – etwas Nützlichem, einem lehrreichen Produkt. Geld vermittelt scheinbare Freizügigkeit. Zuweilen wunderschön und ungeheuerlich, lustig und eigenartig, mitunter langweilig und entsetzlich: ein weiteres Bild. Die Nacktheit ist eine Verkleidung, das falsche Manöver eines Pseudovoyeurs, panoptische Intimität. Vielleicht ist es die Vortäuschung, die den Zuschauer reizt. „Spielt mir etwas vor, meinem Blick, so habe ich Macht … Kaufkraft … Ich existiere.“ Die Inszenierung ist nicht Werk des Blicks, sondern der Blick ist das Objekt der ferngelenkten Veränderungen. Die Distanz ist absolut nichtig (Amen der entfesselten Fantasien, das ist alles, was es ist: Porno gleicht Geld).
Heutzutage unterliegen wir dem Zwang eines genormten Genusses. Seine Formen und Eigenschaften sind bereits vorgezeichnet und von dem medizinischen Blick berechnet, der verspricht, den Beobachter vom Beobachteten abzutrennen. Doch gerade in der Erotik werden wir zurückgelassen. Beim Genuss ist der Andere nicht zugänglich, das heißt, sein Genuss bleibt uns verschlossen, denn dieser wird in der ersten Person erlebt. Dieser Zwang ist das neoliberale Gesicht der Unruhe, die der Unterschied hervorruft, mit dem der andere aufgehoben und neutralisiert, mit dem er zum Schweigen gebracht werden soll unter seiner stechenden Logik des zynischen Empirismus. Ein Impuls entsteht und wird verzehrt von diesem zwanghaften Gespräch über Sex, das nicht nur nicht dasselbe ist wie mit der Sexualität zu sprechen, sondern in gewisser Weise sogar das Gegenteil davon. Wenn wir mit der Sexualität sprechen, sind wir unvermeidbar beteiligt. Wenn wir aber über Sex sprechen, so versuchen wir, die Funktion und die Perspektive unseres wachsamen Ichs im Delirium der Objektivität zu erfassen. Es ist ein Konstrukt, mit der die Immanenz und der Raum gemieden werden sollen. Es ist der Unterschied zwischen dem Taumel eines Kusses und den Statistiken von Masters & Johnson.
Die Intimität bedroht das Nützliche, durch ihre Spontaneität und ihre strahlende Öffnung für das Gegenwärtige und das Andere – sie zeigt, wie involviert wir in unser Leben sind.
Nun denke ich daran, wie viele Pillen es für die Steigerung der sexuellen „Leistung“ gibt, ja, sogar für die Minderung von Schüchternheit und Nervosität, Schlaflosigkeit und Beklemmung.
Nun denke ich an Kontakt. Nun denke ich an die grundsätzliche Verschiedenheit des anderen.
Nun schließe ich die Augen.
Nun träume ich vom Möglichen und vom Unmöglichen.
Nun, ein Gedicht, das noch geschrieben werden muss, anstatt einer Bedienungsanleitung, verfasst von einem Gangster und verbreitet durch die Beharrlichkeit.


Aus dem Englischen von Julia Kliem-Gesteira.


1 In Fällen wie in dem der erst versprochenen und dann vorenthaltenen Green Card wird deutlich, dass auf die wirtschaftliche Kraft zurückgegriffen werden muss, um den Körper zu „kontrollieren“. Es geht hier vielleicht um eine Ironie, mit der man den Betrug der Frau bezweckt, um so die Herrschaft zu bestätigen. Denn wenn sie vortäuscht, dann tut sie es, weil sie es tun muss, und dieser Zwang wird gespürt, womit die Machtausübung „bewiesen“ ist.
2 Ich möchte auch darauf eingehen, in welcher Art und Weise dieser Trash-Effekt (schlechte Qualität) in politischer Propaganda und in der Werbung eingesetzt wird, um eine volksnahe Notion bzw. ein volksnahes Bild hervorzurufen. Dieses Konzept entsteht, wenn ein Mangel an Mitteln mit Natürlichkeit und Authentizität bekleidet wird. Auf diese Weise wird mit der Geringschätzung (Teil des Looks ist, dass er weniger kostet) offen zugegeben, dass sie etwas vortäuschen und suggeriert, dass man sich versteht und eine Realität teilt, die im Grunde von der genannten Bande repräsentiert wird, weshalb man ihnen glaubt.
3 Wenn es einem gelingt, ein ontologisches bzw. metaphysisches Gesetz absolut zu beweisen, dann kann man behaupten, dass man über ihm steht. Der Hohn.
4 Somit scheint klar zu sein: Wenn wir sehen, ohne gesehen zu werden, in Konfrontation mit dieser Unmenge an Bildern, bemerken wir nicht die Effekte dieser Bilder auf unseren Blick, auf unsere Subjektivität. Die umgekehrte Subversion geschieht.
5 Das erinnert mich daran, wie Octavio Paz im Interview mit Claude Fell (Plural, Nr. 50, 1975) über die Figur der männlichen Autorität in der Geschichte und den mexikanischen Mythen spricht: „Der Caudillo ist der Held, er ist episch: Er ist der Mann, der über dem Gesetz steht, der das Gesetz macht.“ Das bedeutet, wenn man über dem Gesetz steht, ist man auch das Gesetz. Oder wie es in dem Lied Jefe de jefes („Chef der Chefs“) von der Band Tigres del Norte heißt: Der Chef der Chefs ist der, dessen Wort Gesetz ist.




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